Kapitel 6: Die Kraft der Elemente

Rollenspielbereich: Betritt die Welt von Kihromah und werde Teil des großen Abenteuers
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Raaka
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Re: Kapitel 6: Die Kraft der Elemente

Beitrag von Raaka »

Wenn er schon nicht helfen konnte, so beobachtete Raaka seine Mitstreiter ganz genau und versuchte, ihre verschiedenen Einstellungen gegenüber ihrer Aufgabe auszumachen. Nyala hatte ihre Position bereits als Erste eindeutig klar gemacht und stimmte den schwarzen Vogel damit noch niedergeschlagener. Kailan hingegen war aufgestanden und zu Yaize gegangen, als suche sie Unterstützung bei der Füchsin und auch von den anderen kam erstmal nicht besonders viel. Raaka mutmaßte, sie hätten alle nichts zu sagen oder trauten sich einfach nicht, vorzutreten. Einige wirkten direkt ablehnend und wieder andere sahen aus, als sähen sie sich im Begriff von einer Herde rasender Bisons zertrampelt zu werden. So würden sie doch den weißen Raben niemals finden!

Die leichte Berührung an seinem Flügel ließ den Raberich aufschauen und in die warmen Augen seiner ältesten Freundin blicken. Ihre Frage ließ einen freundlichen Glanz in seine Augen steigen, der jedoch den Trübsinn darin nicht gänzlich verdrängen konnte.

„Ach…“, begann er mit einem fast schon zu theatralischen Seufzer, der sich für ihn selbst aber gerade eben leidend genug anfühlte.

„Weißt du, ich würde alles dafür geben den weißen Raben zu treffen und ich will unserer Gruppe unbedingt helfen. Aber ich weiß einfach nicht, worüber ich reden könnte. Ich habe nie wirklich Geheimnisse gehabt, dazu liebe ich es viel zu sehr, mich mit anderen auszutauschen. Und jetzt fühle ich mich nutzlos.“

Selten hörte man den Raben so ehrlich über seine Sorgen sprechen, was damit zu tun haben mochte, dass er sich selten Sorgen machte. Deshalb wusste er jetzt auch nicht, wie er damit umgehen sollte.

„Ich weiß, du hältst diese Aufgabe für Quatsch. Aber ich denke, der Wald hat uns deutlich gezeigt, dass wir unsere Einstellungen überdenken und offen für Neues sein müssen. Wir sind so weit gekommen und wenn wir es schaffen und der Hirsch recht behält, könnten wir ein wirklich großes Geheimnis lüften. Und wenn nicht, dann würden wir zumindest als Gruppe noch enger zusammenwachsen, weil wir uns gegenseitig noch besser kennenlernen. Doch wenn wir es nicht einmal versuchen, ist dieser ganze Weg umsonst gewesen. Wenn ich könnte würde ich für alle das Reden übernehmen, die nicht über sich sprechen möchten, doch das würde die Wirrex sicher nicht zufrieden stellen.“

In jenem Moment, als er die letzten Worte ausgesprochen hatte, trat Yaize nach vorne und ihre aufmunternden Worte zu Beginn berührten den Raberich sofort. Für einen Moment schien wieder etwas Hoffnung in seinem Gesicht aufzufunkeln und er beobachtete die Füchsin mit einer Mischung aus Stolz und Bewunderung.

Yaizes Erzählungen waren aufrichtig und es baute Raaka auf, dass sie auch ihn als einen Freund, ja, sogar einen Teil ihrer Familie betrachtete. Es erforderte sicher einiges an Mut, so offen über ihre Ängste zu reden und diesen Schritt dann auch noch als Allererste zu tun. Und trotzdem wurde der Schwarze das Gefühl nicht los, dass dies alleine den Wirrex nicht reichen würde. Er hatte den Eindruck, diese kleinen Lichtwichte seien auf ausgewachsene Skandale aus. Kaum wunderlich, wenn man sich vorstellte wie selten ein lebendes Wesen Fuß auf diese Lichtung setzte. Sicherlich war ihnen die meiste Zeit ziemlich langweilig hier.

Als Yaize zu den anderen zurückkehrte schenkte der Rabe ihr ein dankbares Keckern und einen anerkennenden Blick. Doch was nun? Würden sich andere ihrem Beispiel anschließen? Und eine Frage blieb noch: Was konnte er tun, um der Gruppe zu helfen? Die dunklen Augen wanderten zur weißen Wolkenwölfin neben ihm, als könne sie ihm seine Frage beantworten. Doch ihm war bewusst, dass sie nicht in seinen Kopf gucken konnte und selbst wenn sie es könnte, würde sie dort sicherlich nicht viel Brauchbares finden.

„Ich wünschte, ich hätte auch etwas zu sagen.“

[ an Nyas Seite | schildert ihr seine Sorgen | lauscht Yaize und schöpft ein Mü Hoffnung, jedoch noch nicht genug ]
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Nyala
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Re: Kapitel 6: Die Kraft der Elemente

Beitrag von Nyala »

Auf ihrem Weg zurück zu den anderen waren ihre Augen kurz über all ihre Begleiter gewandert und sie hatte den Eindruck, dass sie mit ihrer Meinung nicht allein war. Rhorax sprach es sogar aus, ihm war diese Aufgabe zu blöd und die weiße Fähe konnte es ihm nicht verübeln. Bei ihrem nächtlichen Gespräch am See hatte er nicht den Eindruck gemacht als trug er sein Herz auf der Zunge. Generell war er eher ein ruhiger Zeitgenosse und doch war sie sich sicher, dass gerade er etwas hatte, das niemand von ihnen wusste. Das was damals geschehen war und ihn so in Ungnade beim Rat fielen ließ. Das er sich nicht auf das Plateau setze, nahm sie ihm nicht übel, sie war selbst ja auch nicht besser.
Als nächstes streiften ihre Augen Nyphteq, die seltsam erstarrt wirkte und von der eine Anspannung ausging, die Nyala kurz nachdenken ließ. Was war es, dass ihr so schwer auf den Schultern lag, dass ihre Muskeln hin und wieder leicht zitterten. Vielleicht war diese Prüfung doch viel schwieriger als sie selbst glaubte, vielleicht war es ein Endgegner, den sie nicht schafften, weil niemand von ihnen vortrat und sein Inneres nach außen kehrte. Selbst Kailan wirkte irgendwie entmutigt und schien Trost bei Yaize zu suchen. Letztlich blieb ihr Blick bei Raaka hängen und sie entschied sich dafür, sich um ihn zu kümmern.

Sie musterte das seufzende Häufchen Elend aufmerksam und hörte seinen Worten zu. Im Gegensatz zu ihr hielt er das alles hier nicht für Unsinn, noch immer glaubte ihr Freund an den weißen Raben und wollte ihn unbedingt finden. Nur sah er sich selbst für die Erfüllung ihrer Aufgabe als reichlich nutzlos an. Eine Aussage, die der Fähe einen Stich versetzte, weil sie das Gefühl nur zu gut kannte und es hasste.
Doch das war noch nicht alles was der Raberich zu sagen hatte und während er erzählte, huschten Nyas Augen kurz zu den Wirrex in den Baumwipfeln, die nicht ganz uninteressiert ebenfalls lauschten. Ob er mit seinen Worten gerade doch seinen eigenen Beitrag zu ihrer Mission leistete? Er hockte vielleicht nicht auf dem Felsen und hatte keine Geheimnisse zu offenbaren, aber irgendwie lag ihm doch etwas auf dem Herzen und er sprach es einfach aus und schluckte es nicht hinunter und begrub es unter einer dicken Erdschicht, so wie es andere Anwesende taten. Ihr linkes Ohr zuckte leicht, weil in Raakas kleiner Aussprache so viel Wahres steckte. Würden sie jetzt aufgeben und sich der Aufgabe nicht stellen, war der ganze Weg und all die seltsamen Strapazen des letzten Tages umsonst. Sie würden zurückkehren ohne neue Erkenntnisse, ohne ihre Mission erfolgreich abgeschlossen zu haben.
Nyala ließ sich auf ihr Hinterteil nieder und hing noch immer ihren Gedanken und Raakas Worten nach. So selbstbewusst und vehement, wie sie eben von Entengrütze gesprochen hatte, fühlte sie sich nun gar nicht mehr. Und wenn sie ehrlich zu sich war, dann hatte sie das alles auch nur als Unsinn betitelt, weil es ihr ganz und gar nicht gefiel jemanden von ihren eigenen Ängsten und Geheimnissen zu erzählen.

Sie ließ alles immer und immer wieder durch ihren Kopf gehen, während die kleine Rotpelzin mehr Mut bewies als der Rest von ihnen und es wagte das Podest zu besteigen. Gerade hatte Nyala etwas sagen wollen, doch sie schloss den Fang wieder und drehte den Kopf hinüber zu Yaize, die sich auf den Stein gesetzt hatte und begann ihr Herz auszuschütten.
Aufmerksam hörte sie der Füchsin zu, so wie es wohl die ganze Lichtung tat. Das die Kleine nicht zu den aller Mutigsten unter den Widerstandskämpfern gehörte, hatte Nya schon vermutet, doch je mehr sie erzählte, desto weniger war die Wölfin noch von dieser Ansicht überzeugt. Ihr wurde mehr und mehr bewusst, dass Mut ebenso wie Angst viele Gestalten annahm. Nicht immer war es einzig und allein Mut, wenn man sich in einen Kampf stürzte. Manchmal war es auch mutig, wenn man genau das nicht tat. Ihre Ängste waren verschieden und irgendwie auch nicht. Yai sprach davon, dass sie unter anderem Angst hatte, zu versagen… und ihre Freunde zu verlieren. All die Namen, die sie nannte, zeigten wie viele schon gegangen waren. Etwas kam Nyala in den Sinn… was, wenn Yaizes Angst gleichzeitig auch ihre Stärke war? Sie hatte Angst ihre Freunde zu verlieren und genau deshalb war sie noch hier. Deshalb hatte sie den ersten Schritt gemacht. Deshalb war sie noch nicht davongerannt und kämpfte weiterhin an der Seite ihrer Freunde für das Wohl ganz Kiromahs.

Ihre braunen Seelentore folgten der Füchsin als sie endete und zurück zu Kailan trottete. Es lag Respekt und Anerkennung darin für den Mut über Dinge zu sprechen, über die man ungern sprach. Inzwischen war die Haltung der weißen Wölfin eine andere, es fehlte die offenkundige Abneigung gegenüber der Aufgabe, dafür wirkte sie sehr nachdenklich und sie war es auch. Schwebten doch noch immer Raakas und nun auch Yaizes Worte durch ihren Kopf.
Sollte die Reise umsonst gewesen sein? Was für ein Licht würde auf sie und Kailan fallen, wenn sie erfolglos blieben? Schließlich oblag es ihnen als Leittiere, die Mission zum Erfolg zu führen. Und was hatten sie schon zu verlieren? Ein paar Worte… nicht mal ein Büschel Fell oder Federn oder gar ihr Leben. Nur die Wahrheit…

Nyala sah zu Raaka, deren Gedanken sie nicht hörte und doch war er es, der den kleinen Kiesel in ihrem Gedankenkarussell zum Rollen gebracht hatte. Sie wollte … ja was wollte sie eigentlich? Ihn nicht so leiden sehen. Sie wollte nicht, dass ihre Mission scheiterte. Sie wollte irgendetwas tun, um der stummen Melancholie auf der Lichtung Einhalt zu gebieten, denn irgendwie wirkten sie doch alle seltsam ruhig und eingeschüchtert von einer so einfach erscheinenden Aufgabe.

“Vielleicht gibt es doch etwas, dass ich erzählen kann“,

sagte Nya mit einem tiefen Seufzen, den Blick auf Raaka gerichtet, der so gerne helfen wollte und nicht konnte.

Langsam erhob sie sich, stupste den Schwarzen einmal sachte an und drehte sich dann herum zum Felsen der Wahrheit, der augenblicklich viel höher und größer wirkte als er eigentlich war. Ihr Herz schlug laut in ihrer Brust, während die Weiße langsam ihren Weg zum Schafott antrat und es sie Überwindung kostete. Eben noch war sie zielstrebig denselben Weg gegangen und hatte die Wirrex, den Stein und die Aufgabe verhöhnt. Nun schien eine gänzlich andere Wölfin darauf zu zuschreiten und sie hielt vor dem Stein kurz Inne, holte tief Luft und hob dann zögerlich die Pfote, während sie zu den anderen sprach:

“Auch auf die Gefahr hin, dass es wieder nur einer dieser irrsinnigen Streiche ist, die diese Lichter und der Wald uns spielen… vielleicht steckt doch etwas hinter dieser Aufgabe und… wir wurden schließlich vom Rat losgeschickt, um den weißen Raben zu finden. Wenn das der einzige Weg ist ihn zu finden, dann liegt es wohl an uns ihn zu beschreiten und Yai hat uns gezeigt, wie es geht und das dabei nichts Schlimmes passiert.“

Einen kurzen Moment blickte sie zurück zu der Roten und zeigte ein anerkennendes Lächeln, dann sah sie wieder nach vorn und blieb schließlich in der Mitte des Felsens stehen. Ihr Kopf hob sich und sie starrte die Wirrex in all ihren Farben an, während sie gleichzeitig versuchte die anderen Widerständler auszublenden. Wenn sie sich nur stark genug auf die Lichterwesen konzentrierte, konnte sie die Anwesenheit der anderen vielleicht für eine Weile ausblenden und somit freier sprechen. Ein trockenes Schlucken ließ ihren Kehlkopf hüpfen, dann schloss sie die Augenlider und rief sich jene Dinge vor Augen, die sie niemanden erzählte und die ihr Angst machten. Bilder erschienen, die sie sonst gut hinter einer dicken Eiswand versteckte. Ihr Vater mit strengem Blick, die gehässigen Worte ihrer Brüder…

“Ich wollte immer dazugehören… so sein wie alle anderen. Nein, das stimmt nicht. Ich wollte so sein wie mein Vater. Ihm zeigen, dass ich genauso gut bin wie er…“

Während sie dieses Geständnis vortrug, wurde ihr gleichzeitig bewusst, dass sie längst genau das erreicht hatte. Sie war genauso unnahbar geworden wie er, herablassend und bissig. Sie hatte nicht nur seine Stärken, sondern auch seine Schwächen übernommen. Ein bitteres Lächeln legte sich auf ihre Lefzen und sie öffnete die Augen, blickte in die Ferne. Eine Erkenntnis, die ihr reichlich spät kam und ihr gleichzeitig klar machte, dass sie die ganze Zeit nicht ihren eigenen Pfad gegangen war.
Doch das war nicht alles was sich hinter der Eisschicht verbarg. Ein schelmisch grinsendes Wolfsgesicht erschien vor ihrem inneren Auge und verschwand dann in den Schatten und ließ sie allein zurück. Verlust, kein schönes Gefühl. Eines das sie vor noch nicht all zu langer Zeit erneut verspürt hatte als Tiere, die sie nie als Freunde betitelt hätte, den Ska zum Opfer fielen. Ganz gleich wie kurz die gemeinsame Zeit mit ihnen gewesen war, so hatten sie doch zum Rudel dazugehört.

“Ich habe Angst Freunde und Familie zu verlieren, weswegen es mir so schwer fällt echte Freundschaften zu zulassen. Es tut weh, wenn sie gehen…, wenn sie mich allein zurücklassen…“

Die letzten Worte kamen nur leise über ihre Lefzen, schmerzte die Erinnerung an ihren einstigen Freund und Gefährten doch sehr.

“Ich glaube, dass ist der Grund, wieso ich lieber allein bleibe, um all dem zu entgehen. Ganz gleich, ob es überhaupt passieren wird oder nicht. Ich verlasse mich lieber auf mich selbst, dann kann ich auch nicht enttäuscht werden… Dabei will ich doch nur meinen Platz finden und dazugehören, mehr sein als nur ein auffälliger Wolfspelz, dem man nichts zutraut. Ich bin mehr als das…“

Ihre Ohren waren mehr und mehr hinabgesunken, während sie sich ihren ganz eigenen Dämonen stellte. Sie hatte wahrhaftig Dinge ausgesprochen, die sie noch nie laut gesagt hatte. Ihre Gedanken waren mehr als nur einmal darum gekreist, doch war sie bisher zu feige gewesen sie auszusprechen. Sie fühlte das Unbehagen und gleichzeitig fiel auch eine Last von ihren Schultern, weil sie selbst mehr in sich erkannte als vorher da war. Da waren verschiedene Gefühle… Traurigkeit, Schamgefühl, aber auch eine gewisse Entschlossenheit schlich sich heran. Und noch etwas erkannte die Weiße. Ihre Ohren richteten sich auf und auch ihre Körperhaltung strahlte augenblicklich wieder mehr Stärke aus.

“Vielleicht ist der Platz, den ich immer gesucht habe, ja genau hier. Beim Widerstand… bei meinen Freunden“,

sagte sie und blickte über ihre Schulter zu den anderen, die sie nie ausgeschlossen hatten. Ganz im Gegenteil hatten sie die Fähe von Anfang an, wie eine von ihnen behandelt, ganz gleich welche Fellfarbe sie hatte und was für ein unwilliges Gemüt sie an den Tag legte. In dieser Gruppe waren sie alle anders und keiner glich dem anderen. Jeder hatte seine Stärken und jeder seine Schwächen, doch niemand wurde deswegen niedergemacht.
Nyala holte tief Luft, drehte sich herum und trat weit entschlossener vom Felsen hinab als hinauf. Sie hatte ihre Geheimnisse Preis gegeben und so schwer es ihr auch fiel, es hatte etwas befreiendes. Es hatte ihr gleichzeitig ein neues Ziel gezeigt und ihr irgendwie neue Hoffnung gegeben. Ein sehr seltsames Gefühl, dass nur ein wenig von der aufkeimenden Scham, die nun, doch Einzug hielt geschmälert wurde. Immerhin sah sie sich nun doch den Blicken der anderen gegenüber und es kostete sie Mühe nicht verlegen wegzuschauen. Sie hatte es eben selbst gesagt, sie war mehr als das und sie brauchte sich nicht verstecken.

Ihr Blick blieb an Nyphteq hängen, die vorhin so erstarrt gewirkt hatte und kurz entschlossen lief Nya an ihr vorbei, streifte die Katze mit ihrer Schulter und flüsterte: “Was es auch ist, lass es raus.“ Dabei war sie sich dessen sehr bewusst, dass es einfacher gesagt als getan war und sie konnte nicht ahnen, was der Puma auf dem Herzen lag. Letztlich lief die Weiße an den beiden neusten Mitgliedern ihrer Gruppe vorbei und schnippte lediglich kurz mit den Ohren, als würde sie damit andeuten, dass es gar nicht so schlimm gewesen war. Dann ließ sie sich neben Raaka wieder auf ihr Hinterteil nieder und seufzte tief, weil es sie mehr Kraft gekostet hatte als sie sich anmerken lassen wollte. Vermutlich waren ihre Geständnisse gar nicht so wild, sie selbst empfand sie jedoch als furchtbar schrecklich und war froh darüber es hinter sich gebracht zu haben.

“Hoffentlich bekommen wir am Ende den weißen Raben zu Gesicht, ansonsten fresse ich ihn auf!“,

kam es leise und ziemlich unsinnig über ihre Lefzen, während sie kurz zu Raaka schielte,

“und Raaka, du bist nicht nutzlos. Nur deinetwegen hab ich mich überwunden doch den Fang aufzumachen.“

[ denkt ganz viel nach / entschließt sich doch auf den Felsen zu gehen und was zu erzählen / versucht Nyph etwas Mut zu machen / spricht zu Raaka ]
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Kailan
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Re: Kapitel 6: Die Kraft der Elemente

Beitrag von Kailan »

Kailans Blick glitt vom Felsen über die Wiese, dann zu den Wirrex und danach über ihre Gefährten. Jeden Einzelnen bedachten sie kurz mit einem Blick. Sie konnte, wenn sie mit ihrer Erzählung fertig war zu Yaize zurückkehren. Es war einfach, hatte die Füchsin gesagt und es scheinbar doch nicht so empfunden. Es war auch keine einfache Aufgabe und gerade als sich Kailan trauen wollte, da trat Nyala nach vorne und sprach. Als sie wieder vom Felsen herunter war, schien sie sich besser zu fühlen. Die Bärin wünschte sich, es auch schon hinter sich gebracht zu haben. Sie wünschte sich auch, dass sie sich danach besser fühlen würde, aber sie glaubte nicht daran. Sie sah noch einmal zu dem roten Fell neben sich und ging dann langsam auf den Felsen zu. Er schien ihr immer weiter entfernt und es war, wie als ob sie Kilometer zu ihm zurücklegen musste. Als sie ihn schließlich erreichte, betraten ihre Tatzen das kalte und leblose Gestein und ihr Blick war starr auf den Felsen gerichtet. Sie suchte dort einen Halt oder Sicherheit, welche sie selbst gerade nicht besaß. Oben angekommen schaute sie nur auf ihre Freunde herab und ihr Blick fokussierte schließlich Yaize, die anderen Tiere blendete sie für einen kurzen Augenblick aus, wie als ob nur die Füchsin existieren würde, mit welcher sie eben noch kurze herzliche Gesten ausgetauscht hatte. Als die Füchsin sich in Kailans Fell vergraben hatte, da hatte sie ihrerseits ein wenig das Haupt gesenkt und ihre Freundin liebevoll mit ihrer Nase berührt.

Die Bärin räusperte sich und ihr Blick wanderte von Yaize zu den anderen Tieren und ihre Seelenspiegel wirkten traurig, kraftlos und verschwommen. Ganz anders als die anderen Tiere sie kannten. Ihre Zunge fühlte sich schwer an und jedes Wort kostete ihr mehr Kraft, als jeder Schritt auf dem Baumstamm über der Schlucht. Ihre Gedanken schienen in weiter Ferne zu sein, auch wenn sie die Anderen ansah. Ihre Stimme war rau und klang sehr leise:

„Ich denke für mich ist es nun auch an der Zeit. Ihr alle kennt mich als starke Bärin, die immer für jeden von euch kämpft und alles für den Zusammenhalt und für jeden Einzelnen tut... Ich hoffe, dass ich dies nun auch schaffen werde...“

Ihr Blick glitt zum Himmel und ihre Augen schienen einen Punkt in weiter Ferne zu fixieren:

„Einige von euch wissen, dass wir vor kurzem zwei unserer Mitglieder verloren haben… Ich hoffe zwar das Flyght noch lebt, aber wissen tun wir dies nicht. Ich konnte ihm nicht helfen, weil ich nicht in seiner Nähe war und…“

Kailans Stimme brach ab, ihr Blick wanderte zu Nyala und von dieser zu Nyphteq und ihre Stimme wurde immer abgehackter und klang sehr traurig. Die Bärin wirkte mit jedem Worte, dass sie sprach immer verletzlicher:

„Asuka konnte ich nicht helfen, weil es zu viele waren. Mir blieb keine andere Wahl, als zu fliehen. Ich hätte ihn nicht retten können und doch frage ich mich immer noch, ob dies wirklich stimmt. Ob ich nicht einfach zu früh geflohen bin… Aber auch er wusste, dass wir nicht schnell genug sein würden… So konnte ich wenigstens dafür sorgen, dass es Nyala schafft… Aber manchmal frage ich mich heute noch, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich mit ihm gestorben wäre… Ob ich ihn nicht vielleicht hätte retten können, wenn ich für ihn gestorben wäre…“

Ihr Blick lag nun nur noch auf Nyala und ihre Seelenspiegel waren nun nur noch trauriger und schienen immer verschwommener zu werden:

„Ich bin sehr enttäuscht von mir… Denn eigentlich hätte ich euch beide retten müssen…“

Ihre Augen schlossen sich einmal kurz und dann öffnete sie diese wieder und ihr Blick richtete sich danach wieder in den Himmel. Als sie danach mit dem Sprechen begann, klang ihre Stimme wieder etwas fester:

„Yaize hat vorhin etwas sehr Wichtiges gesagt, dass wir ihre Familie sind. Ich empfinde ebenso… Ihr seid die Familie geworden, welche ich einst verloren habe…“

Ihre Stimme brach kurz ab, sie suchte nach den richtigen Worten in ihrem Inneren und nach der Kraft weiter zu sprechen:

„Ich habe mich mit meinem Vater nie wirklich verstanden, er mochte andere Tiere nicht und hat sie immer vertrieben, sie waren für ihn wertlos… Mein Bruder und ich sind glücklich gewesen. Wir hatten ein angenehmes Leben und wir waren nicht nur Geschwister, wir waren die besten Freunde… Unsere Mutter war liebevoll und hat uns alles beigebracht was wir brauchten. Als wir erwachsen waren, wollten wir unsere eigene Heimat haben, mein Bruder und ich… Er war schon immer sehr furchtlos gewesen… Wir haben uns in der Nähe jeder einen Bau gesucht und waren glücklich so wie es war… Täglich haben wir uns gesehen und besucht… Und eines Tages da kamen die Ska…. Sie fielen blutrünstig über uns her und hatte zuerst das Revier meiner Eltern überflutet… Sie schienen alles töten zu wollen, was vor ihrer Nase war… Es waren so viele und einige von ihnen waren riesig. Bis heute erinnere ich mich, dass ich wie versteinert auf dieser Lichtung gestanden und sie nur voller Panik angesehen habe. Dann kam mein Bruder Tarik und schupste mich mit voller Kraft… Dies reichte, um mich aus meiner Starre zu befreien und dann rannte wir. Wir rannten, um unser Leben. Es schien als würden wir es schaffen…“

Kailans Stimme brach abermals ab. Ihre nächsten Worte klangen hart und verbittert:

„Aber wie dumm und naiv ich doch damals war, dies zu glauben… Schließlich hatte ein großer Ska uns eingeholt und mein Bruder traute sich ihn anzugreifen und bat mich zu fliehen… Er würde nachkommen… Wie dumm und naiv ich damals war, ich glaubte ihm und rannte weiter… Ich entkam ihnen, aber meinen Bruder haben sie garantiert getötet… Ich verlor damals meine Heimat und meine Familie. Lange bin ich umhergestreift auf der Suche nach einer neuen Heimat, weit weg von den Ska. Ich hatte einfach nur Angst, sie würde mir noch einmal alles nehmen. Ich hatte mir aber vorgenommen nie wieder so feige zu sein und sollte es noch einmal soweit kommen, dann würde ich nicht fliehen. Ich würde gegen sie kämpfen…“

Kailans Stimme brach abermals ab, für den nächsten Teil ihrer Erzählung würde sie alle Kraft brauchen, welche sie noch hatte und bevor sie zu lange über ihre Worte nachdenken würde und danach dann vielleicht doch keine Kraft mehr hätte, sprach sie lieber weiter. Ihre Stimme war nun schwer von Schmerz und Leid:

„Ich sollte nicht lange allein bleiben. Ich lernte auf meiner Wanderung schließlich Selfon kennen und wir wurden mehr als nur Freunde, wir wurden Gefährten. Er war ein stolzer und kräftiger Bär und so tapfer wie mein Bruder. Schließlich wurde uns nach einiger Zeit unglaubliches Glück zu Teil. Wir wurden Eltern… Mein Sohn Ragnar und meine Tochter Sadira wurden geboren. Sie waren sehr aufgeweckte und neugierige Bärenkinder… Und ich war der festen Überzeugung, dass ich sie fern von aller Gefahr aufziehen würde… Schließlich war ich der Meinung, dass die Rieseninsekten es bestimmt nicht bis zu uns geschafft hatten… Ich irrte mich…“

Ihre Stimme war nun nur noch sehr brüchig und vor ihren Augen tauchten die schrecklichen Bilder auf, welche sie so lange verdrängt hatte:

„Meine Kinder und mein Gefährte sollten diesen Irrtum mit ihrem Leben bezahlen. Ich war unterwegs als es passiert, es war früher Morgen und ich war am Fluss gewesen, um ein paar Fische zu fangen. Selfon war bei der Höhle geblieben und hatte auf unsere spielenden Kinder aufgepasst und dann waren die Ska gekommen. Ich sah sie auf mich zufliegen und rannte los. Einfach nur weg, dachte ich damals. In der Hoffnung, dass sie meine Kinder und Selfon nicht finden würden. Ich konnte schließlich ein Versteck finden, eine weit verzweigte Höhle, sie hatten diese nicht entdeckt und die wenige, die diese entdeckt hatten, waren nur kleine Ska gewesen. Die ihre Entdeckung nicht überlebt hatten…“

Kailan wollte nicht mehr weiter reden, sie konnte einfach nicht mehr, sie wollte nur noch runter von diesem Felsen, aber sie war noch nicht fertig und das wusste sie. Ihr Haupt senkte sich und ihre Stimme wurde leiser, ihre Augen hatten wieder einen wässrigen und glasigen Ausdruck angenommen:

„Meine Kinder und mein Gefährte hatten nicht so viel Glück. Die Leichen meiner Kinder entdeckte ich zuerst… Sie lagen etwas entfernt von unserem Bau, die Beiden hatten versucht zu fliehen und keine Chance gehabt. Vor unserem Bau lag mein Gefährte und einige tote Ska… Er hat mutig gekämpft und mein Versuch sie wegzulocken, hatte keinen Unterschied gemacht. Ich wollte nun nur noch die Ska vernichten, um jeden Preis… Schließlich lernte ich Zach kennen und fand den Widerstand…“

Die Bärin schaute nun Yaize an:

„Mittlerweile treibt mich nicht mehr der Gedanke an Rache an. Mittlerweile möchte ich nur noch meine neue Familie beschützen…“

Ihr Blick wanderte danach über jedes einzelne Tier unter ihr:

„Wenn ich ehrlich bin. Ihr seid für mich mehr als nur meine Familie geworden, Ihr seid die Kinder geworden, welche ich einst verloren habe. Für euch schlägt mein Herz einer Mutter… Als Asuka sich damals geopfert hat, hatte ich das Gefühl ich würde wieder meinen Bruder oder meine Kinder verlieren… Ich habe wieder die Leichen von meinen Kindern gesehen und wie sich mein Bruder damals in den Kampf gestürzt hat. Ich weiß nicht ob ich mir eines Tages verzeihen kann, auch wenn ich weiß, dass ich keins dieser Tiere hätte retten können, wenn ich geblieben wäre. Deswegen bin ich beim Widerstand und bleibe auch für immer hier, damit ich nun endlich die Chance habe, dazu beizutragen die Tiere zu retten und zu beschützen, welche mir so sehr ans Herz gewachsen sind. Denn damals habe ich sie nicht bekommen…“

Kailan drehte sich um und verließ schweren Schrittes den Stein. Sie konnte nicht sagen, dass sie sich besser fühlte. Nein, sie fühlte sich elender denn je und nackt bis auf die Haut… Ihre Schritte stoppten neben Yaize und wie als ob ihre Pranken sie nun nicht mehr tragen konnten, legte sie sie sich neben sie und ihr Kopf wanderte auf ihre Vorderbeine und blieb dort liegen. Den Blick trüb nach vorne auf den Felsen gerichtet. Sie wirkte sehr traurig und verletzlich.

[geht auf den Felsen | wirkt sehr traurig und verletzlich | ihre Stimme bricht immer wieder ab | legt sich danach neben Yaize]
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Nyphteq
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Re: Kapitel 6: Die Kraft der Elemente

Beitrag von Nyphteq »

Obwohl sie sich eigentlich hätte wundern sollen, dass Nyala ihre Meinung nun doch änderte und das Felsplateau bestieg, fiel es Nyphteq schwer, sich auf ihre Worte zu konzentrieren. Je mehr sie es auch versuchte, desto dominanter schienen die Bilder zu werden, die vor ihrem inneren Auge aufflammten. Sie bekam das Gesagte am Rande mit, ermahnte sich selbst, aufmerksam zu bleiben und schaffte es am Ende trotzdem nur gerade eben so, das Wichtigste herauszuhören. Dabei schien ihre weiße Freundin ihren inneren Zwist bemerkt zu haben. Die aufmunternde Geste gepaart mit Worten, die nur für die Ohren der Katze bestimmt waren, hallten länger in ihr nach, als sie erwartet hätte und halfen ihr gleichzeitig dabei, wieder einen Schritt näher an das Hier und Jetzt zu machen.

Erst jetzt, im Nachhinein, fiel ihr auf, wie sich Nyalas Körperhaltung im Laufe ihrer Erzählung gewandelt hatte und dass sie mit dem Verlassen des Felsen auch eine gewisse Erleichterung ausstrahlte. War es das Gefühl, das man hatte, wenn man offen über seine Schattenseiten sprach? War es das, was die Wölfin mit ihren Worten gemeint hatte? Und wenn es so war, hatte die Katze es dann überhaupt verdient, eine solche Erleichterung zu spüren?

Als Kailan dann vortrat, dauerte es nicht lange, bis Nyphteq bemerkte, dass ihre Stimmung eine andere war. Es waren Nuancen in der Stimme der Bärin, die die Katze zuvor nie bei ihr wahrgenommen hatte, aber die nun dafür sorgten, dass sie ihr deutlich aufmerksamer und mit aufkeimender böser Vorahnung lauschte. Als sie dann ihren Gefährten und ihre Famiiie erwähnte, musste die Berglöwin schwer schlucken, denn sie überkam das Gefühl, dass sie längst wusste, wie diese Geschichte ausgehen würde, noch ehe sie sie gehört hatte. Und sie wollte alles, nur nicht das hören, was Kailan noch zu sagen hatte.

Doch es half nichts und jeglicher Versuch wegzuhören blieb vergebens. Die Bärin sprach Worte aus, die wohl jedem Zuhörer einen Stich versetzten. Und als sie schließlich geknickt zur Gruppe zurückkehrte, bedachte Nyphteq sie mit einem langen, schwermütigen Blick. Nie hätte die Raubkatze gedacht, dass sie ausgerechnet mit Kailan so viel gemeinsam hatte.

Um sich irgendwie die eigene Unsicherheit über die Entscheidung zu nehmen, der sie sich gegenüber sah, rief Nyphteq sich Nyalas Worte wieder in Erinnerung und mit ihnen eine Einsicht, die sie während dieser Mission schon öfter gehabt hatte. Sie hatte die Wahrheit nicht geglaubt und damit den größten Fehler ihres Lebens begangen. Einen Fehler, den sie sich geschworen hatte, nie zu wiederholen. Und wieder einmal war sie im Begriff, genau das zu tun. Sie atmete tief durch, denn in ihrem Inneren wusste sie nun, dass es Zeit war, über ihren Schatten zu springen, wenn auch nicht für sich selbst, sondern für diejenigen, denen sie sich verpflichtet hatte.

Auf wackeligen Beinen erhob sie sich und fühlte sich sogleich unter kritischer Beobachtung, wenn nicht durch ihre Gefährten, dann durch die zahllosen Wirrex um sie herum. Doch ihr Weg führte sie nicht direkt zu jenem Fels, der Unausgesprochenes offenbarte. Stattdessen streifte sie mit der Schulter leicht an Kailans dichtem Pelz entlang und als ihr Fang die Ohren der Bärin erreichte, flüsterte sie ihr etwas zu, gerade eben laut genug, dass nur die Braune es hören konnte. „Ich weiß, was du durchgemacht hast.“

Das allein war ihr schon schwer gefallen. Doch nun rückte der Felsen schneller näher, als ihr lieb war. Jeder Schritt der Katze war zögerlicher als der letzte, denn das an sich harmlose Plateau wirkte plötzlich wie das letzte Gericht. Nyphteq schluckte schwer, bevor sie schließlich die erste Pfote auf den steinernen Untergrund setzte und musste sich dann selbst zwingen, das Plateau nach der Augen-zu-und-durch-Methode mit einem kleinen Satz zu erklimmen. Sie war sich völlig unsicher, ob sie das, was sie tat, überhaupt tun wollte. Doch wenn sie ihrem Schwur nachkommen und keine Fehler mehr machen wollte, hatte sie keine andere Wahl. Sie setzte sich auf die Hinterläufe, obwohl ihre Pfoten unangenehm prickelten. Ein letztes Mal glitt ihr Blick hilfesuchend zu ihren Begleitern, bevor ihr klar wurde, dass sie vor ihren Gefährten gar nicht so verletzlich wirken wollte. Zum Schluss blieben ihre Augen einen Moment lang erneut an Kailan haften, ehe sie den Blick senkte und ihn über eine Kerbe im Stein wandern ließ. Was sie fühlte war jetzt egal, sie musste nur funktionieren.

„Mein Revier lag im Abendrot-Gebirge, nördlich der Wettersturzhügel. Die ersten Gerüchte über Riesenkäfer, die das Land unsicher machen, erreichen mich relativ früh, doch ich schenkte ihnen keine Beachtung. Ich hatte gerade Junge bekommen und dachte nicht daran, meine Heimat zu verlassen. Schon gar nicht für irgendwelches Krabbelvieh, das man mit einer Pfote zerquetschen konnte. Selbst als immer mehr Tiere in den Süden abwanderten dachte ich mir nichts dabei. Ich machte ja gute Beute und zog so meine Jungen groß.“

Bis jetzt war ihre Stimme trocken und beinahe kühl geblieben, wenn es ihr auch an Selbstbewusstsein mangelte. Doch nun kam sie nicht drum herum, die Erinnerung an jedes ihrer Kitten wieder aufleben zu lassen. Ihr Blick glitt für diese Zeit in die Baumwipfel, doch ihre Augen waren geschlossen.

„Narreo war mein Erstgeborener, kühn und stark wie sein Vater. Aohku und Sassuani glichen sich äußerlich beinahe aufs Haar, konnten aber vom Wesen her nicht unterschiedlicher sein. Er war offenherzig und sie eine Träumerin. Und schließlich war da Takhani. Sie kam am meisten nach mir – vorlaut und stolz.“

„Sie waren gut ein halbes Jahr alt und bereits Halbstarke, als uns zum ersten Mal die Boten des Widerstands aufsuchten. Ich ließ sie gehen, ohne ihnen Glauben zu schenken, ignorierte die Warnungen. Ich war überheblich genug um zu glauben, meine Jungen allein vor jeglicher Gefahr schützen zu können.“


Sie stieß verächtlich die Luft aus, bevor sie den nächsten Satz aussprach.

„Es kränkte meinen Stolz, dass man mir die Sicherheit meines Nachwuchses nicht zutraute.“

Gekränkt war sie auch jetzt, jedoch nur von sich selber. Zugleich fragte sie sich, ob sie überhaupt noch weiterreden musste. Vorher hatte der Selbsthass ihre Worte beinahe von alleine getragen, doch jetzt war sie, abgesehen von nagender Verzweiflung, zunehmend auf sich allein gestellt. Da waren nur sie und dieses Trauma, das sie nie überwinden konnte und das in ihr empor kroch wie eine Schlange, die ihre Kehle von innen heraus zu erwürgen drohte. Auf sich spürte sie die fordernden Blicke der Wirrex, denen sie nicht standhalten konnte und so folgte sie mit den Augen erneut den Furchen und Kerben des Felsen unter ihren Pfoten.

„Ich war auf der Jagd gewesen, wollte gerade einen Riss nach Hause bringen. Als ich schon fast in Hörweite unseres Verstecks war rief ich nach meinen Jungen und erhielt erst keine Antwort. Aber dann hörte ich doch etwas. Es war Narreo, der nach mir schrie… mit völliger Panik in der Stimme.“

Nyphteq stockte, während ihre Ohren kurzzeitig nach vorne schnellten. Ihr war deutlich anzusehen, dass sie den markerschütternden Schrei in ihrem Kopf noch immer hörte. Ihre Stimme wurde nun hektischer, ihr Atem kürzer und der Puls raste durch ihre Glieder, als würde sie diesen Tag noch einmal erleben.

„Ich rannte wie ich noch nie im Leben gerannt war. Aber ich kam zu spät. Narreo lag einfach nur da. Er war … zugerichtet. Kaum noch zu erkennen …"

Sie schüttelte den Kopf, als könne sie noch immer nicht glauben, was sie dort gesehen hatte.

„Dann sah ich sie: drei riesige Insekten, so groß wie ich selbst. Zwei von ihnen machten sich an einer Felsspalte zu schaffen. Der dritte musste mich schon bemerkt haben, als ich noch in Schockstarre war und kam direkt auf mich zu. Ich konnte überhaupt nicht nachdenken, nur versuchen, ihn irgendwie von mir abzuhalten, während ich mit ansehen musste, wie die anderen zwei Sassuani aus der Felsspalte zogen. Sie wehrte sich noch vergeblich, aber sie haben sie einfach … in zwei Hälften gerissen!“

Sie schluckte und rang dabei gleichzeitig nach Luft. Dies war mit Abstand das Schlimmste gewesen, was sie jemals mitansehen musste. Jetzt weiterzureden verlangte ihr jegliche Kraft ab, obwohl sie nun nicht mehr stoppen konnte. Ihre Umgebung hatte sie inzwischen vollständig ausgeblendet und ihre Augen huschten über den felsigen Untergrund, ohne diesen wirklich zu sehen.

„Ihre Pfoten zuckten noch, als sie schon Aohku herauszerrten. Ich konnte nicht sehen, was sie mit ihm taten, weil der dritte Ska mich immernoch attackierte. Ich hörte nur sein Jaulen und ein Knacken. Und als ich den Angreifer endlich von mir abschütteln konnte, hielten sie auch Takhani in ihren Fängen. Ich sah noch ihren Blick, die Angst und das Flehen und den Unglauben und den Vorwurf in ihren Augen. Und eine schwarze Klaue, die gerade in ihren Hals stechen wollte.“

Scham und Schuldgefühl übermannten die Raubkatze, die nun nicht viel mehr als ein Schatten ihrer selbst darstellte. Ihre Stimme brach heftig ein, sodass sie das Nächste nur noch unter Anstrengung hervorbringen konnte.

„Ich… Ich hatte versagt. Ich konnte nichts mehr tun, außer mich selbst zu retten. Ich ließ meine Tochter in ihrem letzten Moment allein und floh. Es war meine Schuld, dass sie sterben mussten und ich lief einfach davon.“

Nyphteqs Muskeln zitterten und ihr Blick lag hasserfüllt auf ihren eigenen Pfoten. Ihr fehlte die Kraft und der Mut für abschließende Worte. Sie war so ein Feigling gewesen und war es auch jetzt noch. Sie schaffte es nicht, die Wut und die Schuldgefühle zu überkommen oder sie zumindest in etwas Positives umzuwandeln, wie Kailan es tat. Sie war auch weit davon entfernt, mit sich selbst ins Reine zu kommen so wie Yaize oder Nyala damit begonnen hatten. Auch fühlte sie keine Erleichterung darüber, endlich ausgesprochen zu haben, was sie quälte. Aber die Pflicht die sie sich selbst auferlegt hatte, hatte sie erfüllt. Und nun wollte sie nur noch weg. Ihre Schritte, als sie von dem Felsen stieg, waren längst nicht so behände wie man es von ihr gewohnt war und sie steuerte auch nicht den Rest der Gruppe an, sondern ließ sich etwas abseits und ihnen den Rücken zukehrend nieder. Lediglich Kailan bedachte sie flüchtig mit einem letzten traurigen Blick, ehe sie die Augen abwandte und die undurchdringliche Baumwand vor sich anstarrte.

[ von Nya und Kailan ermutigt | erzählt ihre Geschichte | sehr neben der Spur | setzt sich dann abseits der Gruppe hin ]
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Vishuni
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Re: Kapitel 6: Die Kraft der Elemente

Beitrag von Vishuni »

Als die junge Berglöwin am nächsten Morgen aufwachte, schmerzten ihre Muskeln wie nach einem langen Lauf. Außerdem konnte sie sich absolut nicht erklären, wie sie in die Mitte der Lichtung gekommen war und warum zur Hölle sie so nah bei den anderen lag. War sie nicht auf einem Baum eingeschlafen, nach dem anstrengenden Gespräch mit der Füchsin? Kein Wunder, dass sie nach dieser Tortur buchstäblich ins Koma gefallen war. Doch selbst das erklärte den unheimlichen Ortswechsel nicht im Geringsten.
Auch die Lichtung hatte sich verändert, doch sollte Vishuni wirklich schockiert reagieren? Sie zuckte nur unzufrieden mit der Schwanzspitze und zeigte mit einem weiten Gähnen die Zähne. Der Hirsch tauchte erneut auf, doch dieses Mal machte sich die Katze nicht die Mühe, das Geisterwesen anzufauchen. Doch was es zu sagen hatte, hätte diese Reaktion tatsächlich gerechtfertigt, fand Vishuni. Sie schleckte sich über die Zähne und schüttelte unbegeistert den Kopf.
Was denn, sie sollten reden? Dafür war sie nun wirklich nicht hergekommen. Sie war hier, um den Ska die Hölle heiß zu machen und nicht um mit diesen dahergelaufenen Tierchen, begafft von ein paar Glühwürmchen eine Selbsthilfegruppe zu eröffnen! Aber gut, sie selbst würde dem Ganzen ohnehin nicht beiwohnen müssen. Hier gab es schließlich einige Tierchen, die mit ihrem Geplauder selbst die abertausend Ohren der Glühwürmchen mühelos würden zum klingen bringen. Und danach würden den Viechern ohnehin die Ohren bluten. Vishuni würde es hier ziemlich leicht haben.

Zumindest die Wölfin schien ihre Ansicht zu teilen, auch wenn sie das doch pragmatischer formulierte, als Vishuni es getan hätte. Und natürlich war es die Füchsin, welche sich als erste ins Rampenlicht stellte. Welch eine Überraschung…
Ihre Eröffnungsrede entlockte Vishuni allerdings ein Schmunzeln. Über Eigenhumor verfügte die Rote zumindest. Die vielen Worte, die folgten waren allerdings weniger lustig. Tatsächlich blieb die Rede sogar kürzer, als zunächst angenommen, wenn auch die Aussage auf so viel weniger hätte begrenzt werden können: Füchschen hat Angst. Schön. Irgendwie hatte Vish mehr erwartet, doch die Rote war einfach keine Geschichtenerzählerin, wie ihr schien. Aber was auch immer, die Berglöwin war nicht diejenige, welche die Aussagen hier bewerten sollte. Sollten das doch die stinkenden Glühwürmchen erledigen. Ihr egal.

Der große, schweigsame Bär war deutlich besser darin, sich kurz zu fassen und Vishuni zuckte zufrieden mit den Schnurrhaaren. Der Koloss schien sich auch nicht auf die Gefühlsstunde einlassen zu wollen, was ihn Vishuni ein wenig sympathischer machte.
Die Wölfin jedoch stand nicht zu ihren Worten, schon als zweite stand sie auf dem Felsen und schüttete ihnen ihr Herz aus. Vishuni lauschte auch ihren Worten irgendwie nur halbherzig, auch wenn sie begannen, die Berglöwin ein wenig nachdenklich zu machen. Die Fähe war Vishuni vielleicht gar nicht unähnlich, wenn auch ungewöhnlich für ein Rudeltier. Und erneut stolperte Vishuni über die starken Gefühle, die die beiden aus der Hundefamilie für den Widerstand empfanden. Was für die Puma nur ein Mittel zum Zweck blieb, schien für einige hier mehr zu sein. Doch einen Haufen Artfremder als Familie bezeichnen? Vielleicht hatten sie alle schon zu oft einen über den Kopf gezogen bekommen…

In ihren Gedanken versunken bekam sie kaum mit, dass Kailan sich nun auch dazu entschlossen hatte, ihr Herz auszupacken. Und erneut, dieses Wort… Familie. War das etwas, was man brauchte? Vishuni legte den Kopf schief. War es nicht schwieriger, ein guter Krieger zu sein, wenn man solche Gefühle gegenüber seinen Mitkämpfern verspürte? Vielleicht war sie hier wirklich falsch… Denn ihr selbst war deutlich bewusst, dass sie hier ein Spiel auf Zeit spielten. Dass jeder hier der nächste sein könnte. Sie selbst eingeschlossen. Warum groß Zeit darauf verwenden, die Anderen kennen zu lernen? Ihre Stärken und Schwächen im Kampf – sicher. Doch darüber hinaus? Das kam ihr eher hinderlich vor.

Sie schaltete erst auf Kailans Geschichte zurück, als die Bärin von ihren Jungen berichtete. Vishunis Gedanken kamen zum Schweigen und die Ohren, die zuvor noch von Bewegung durchsetzt gewesen waren, stellten sich steil nach vorne. Ihre Augen weiteten sich leicht und ein undurchschaubarer Ausdruck trat hinein. Schweigend hörte sie den Worten der Bärin zu und spürte ein enges Gefühl in der Kehle. Sie hätte unmöglich beschreiben können, was in ihrem Inneren los war. Doch allen voran spürte sie Wut. Wut auf die Ska, doch vor allem auf die Wirrex und diese verdammte Aufgabe. Was zum Teufel sollte es ihnen bringen, den anderen beim Leiden zuzusehen? Brachte das diesen Glühwürmchen eine Art Befriedigung? Das war einfach widerlich!

Im Augenwinkel bemerkte Vishuni die Bewegung, die den Körper ihrer Artgenossin erfasste. Doch ihr Blick lag noch einen Moment länger auf Kailan, die nach ihrer Offenbarung so unglaublich traurig und gebrochen wirkte, dass Vishuni starkes Mitleid mit ihr empfand. Ein Gefühl, welches ihr eigentlich fremd war…

Die Worte der Puma, ließen ihren Blick langsam zurück auf den Felsen gleiten. Die Geschichte begann irgendwie ähnlich wie die von Kailan und ließen immer wieder dunkle Vorahnungen aufkommen. Vishuni grub unbehaglich die Krallen in den Boden. Und erneut füllte sich ihr Blick mit Entsetzen, vielleicht noch mehr, als bei Kailans Geschichte. Sie sah sie so genau vor sich, die Jungen, die Nyphteq beschrieb. Kleine, tapsige Pfoten und dieser ganz eigene Geruch nach Jungtier, warm und weich. Hätte sie dieser Situation entgehen können, sie hätte sich erhoben und wäre davongerannt. Doch ihre Pfoten gehorchten ihr nicht und sie konnte die Ohren nicht vor dem verschließen, was noch kommen würde. Sie konnte eben so wenig fliehen, wie es Nymphteq hatte tun können. Sie konnte nur mit Entsetzen zuhören, diesen viel zu bildlichen Worten hören und hoffen, dass es bald vorbei war.
Als Nyphteq endlich geendet hatte, fühlte Vishuni sich leer. Ihr Blick verlor sich in der Ferne, ausdruckslos und unbestimmt.

[lauscht den Anderen | erst zynisch und unbeeindruckt, dann jedoch nachdenklich und mitleidsvoll | sitzt schweigend da und starrt ins Leere]
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Raaka
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Re: Kapitel 6: Die Kraft der Elemente

Beitrag von Raaka »

Würde er nicht mit eigenen Augen sehen, was da gerade vor sich ging, hätte Raaka wohl seinen Ohren nicht getraut, als Nyala verkündete, nun doch etwas zu sagen zu haben. Ungläubig aber mehr als positiv überrascht blickte der Raberich der Wolkenwölfin nach. Eine Mischung aus Freude und Erleichterung überkam ihn. Yaize hatte den Anfang gemacht und wenn selbst Nyala den Versuch wagte, folgten ja vielleicht noch andere Gefährten ihrem Beispiel. Das allein war Grund genug für den schwarzen Vogel, neue Hoffnung zu schöpfen, auch wenn die Weiße kurz vor Betreten des Felsen erneut ihre Zweifel äußerte. So war sie eben und es war ja auch nichts Schlimmes daran, Dinge zu hinterfragen. Die Hauptsache war, wenn man Raakas Meinung hören wollte, nur, dass sie es versuchte. Und als die Wölfin schließlich den Fang öffnete und zu reden begann, war schnell klar, dass sie alles geben würde.

Je mehr sie jedoch erzählte, desto betrübter stimmte ihre Ansprache den Schwarzen. Es war nie leicht einen Freund leiden zu sehen, erst recht wenn es sich um so eine gute und langjährige Freundin wie Nyala handelte. Sie musste so viel Verlust und Enttäuschung erlebt haben und auch wenn der Raberich absolut nicht nachvollziehen konnte, warum man einer so tollen Wolkenwölfin wie Nya den Rücken zukehren konnte, musste er sich schmerzlich eingestehen, dass auch er die Vierbeinerin einst verlassen hatte. Wenigstens ihre abschließenden Worte waren positiver gestimmt und es war wohl in diesem Moment, dass Raaka einen Entschluss fasste. Egal wie sich die Zeiten auch änderten, ob zum Guten oder zum Schlechten, er würde seine Freundin nicht im Stich lassen.

In Raakas Augen lag wieder ein leichtes glänzen, als Nyala zu ihm zurückkehrte und ihre Aussage, die doch eher einer Drohung nahekam, entlockte ihm sogar ein amüsiertes Keckern. Was sie anschließend aber zu ihm sagte, ließ dem Schwarzen ein warmes Kribbeln über den Rücken und die Schwingen laufen. Die Worte, auch wenn es nur wenige gewesen waren, legten sich wie Balsam auf seine Seele. Wann hatte ihm zuletzt jemand gesagt, dass er nicht nutzlos war? War das überhaupt schon einmal passiert? Mit dieser Art der Anerkennung hatte er nicht gerechnet und er war schon ein wenig stolz darauf, dass er so nicht nur der Mission, sondern vielleicht auch einer Freundin in einer ganz persönlichen Art und Weise hatte helfen können.

„D…danke. Ich bin sehr froh, dass du es getan hast“,

brachte er noch etwas überwältigt heraus und bedachte nach einem Moment der Stille die Weiße mit einem Lächeln.

„Du sollst wissen: Egal was passiert, ich werde immer zu dir zurückkehren.“

Das war ein Versprechen, das er um jeden Preis einhalten wollte. Vielleicht würden sie nicht immer zusammen sein, denn wenn die Ska einst besiegt wären, würde Raaka sicher wieder Erkundungsflüge durch ganz Kihromah machen. Doch er wollte die Weiße trotzdem immer wieder besuchen, um Zeit mit ihr zu verbringen und sicherlich noch das ein oder andere Abenteuer mit ihr zu erleben. Eigentlich galt dieses Versprechen gleich allen Gefährten, die er beim Widerstand gemacht hatte, denn er hatte niemals bessere Freunde besessen. Dem Schwarzen entfuhr ein glückliches Seufzen. Sowohl Yaize als auch Nyala sahen den Widerstand als Freunde, nein sogar Familie an und für Raaka war es das erste mal, dass er wirklich zu etwas dazugehörte.

Das freudige Gefühl sollte jedoch bald wieder in den Hintergrund rücken. Dann nämlich, als Raaka bewusst wurde, dass nicht in jeder Geschichte eine gute Moral oder ein glückliches Ende schlummerte. Zwei Schicksale, die gleichermaßen ans Herz gingen. Und dass sie einander nicht unähnlich waren zeigte deutlich eine traurige Wahrheit: diese Geschichten waren keine dramatischen Einzelfälle. Überall auf Kihromah hatte der Einmarsch der Ska Familien zerschlagen, Mütter von ihren Kindern getrennt, Herden gespalten und Rudel vernichtet. Viele Tiere mussten den Tod ihrer Lieben mit eigenen Augen mitansehen. Niemand, nicht einmal die Wirrex, würde es ertragen, all diese schrecklichen Erinnerungen anzuhören, dessen war Raaka sich sicher.

Durch Kailan, die so viele verloren hatte und Nyphteq, die Furchtbares hatte mitansehen müssen, erkannte Raaka, dass dem Widerstand eine viel größere Aufgabe innewohnte, als nur die Vernichtung der Ska. Er bot verlorenen Seelen einen sicheren Ort, er musste Trost spenden, Mut machen und Hoffnung schenken. Das ganze machte ihre Mission – machte jeden Auftrag, den sie übernahmen, nur umso wichtiger.

Nachdem auch Nyphteq wieder von dem Erzählstein herunter gekommen war, blickte Raaka beschämt zu Boden. Er traute sich nicht, die beiden Mütter direkt anzusehen, obwohl er ihnen gerne sein Mitgefühl ausgesprochen hätte. Auf einmal erschien ihm sein vorheriger Unmut darüber, selbst nichts zu sagen zu haben, als ziemlich lächerlich, nein, mehr noch pietätlos. Und selbst wenn er doch noch etwas zu berichten gehabt hätte, wäre jetzt sicherlich nicht der Zeitpunkt dafür. ‚Ich wünschte, ich hätte auch etwas zu sagen‘, hatte der Schwarze zuvor behauptet. Jetzt schämte er sich für diese Aussage. Er sollte eher froh darüber sein, dass er bisher solch ein Glück gehabt hatte. Und sollten die Wirrex nach diesen Geschichten, die stellvertretend für die vielen Schicksale in der ganzen Welt standen, immer noch Zweifel haben, ob diese Prüfung als bestanden galt, wollte er jeden einzelnen von ihnen mit dem Schnabel zerhacken.

Raaka atmete tief durch, eher er den Kopf langsam wieder hob und sich unschlüssig umsah. Sein Blick blieb an Kailan hängen, die unheimlich traurig und erschöpft wirkte und bei Yaize Trost suchte. Nyphteq hingegen schien es für den Moment vorzuziehen, allein zu bleiben. Schließlich erfassten die dunklen Augen Nyala, welcher der Schwarze einen fragenden Blick zuwarf.

„Vielleicht habe ich selbst nichts hierzu beizutragen, doch erlaubst du mir, wenn die gesprochen haben, die sprechen wollen, einmal das Wort an alle zu richten? Ich würde mich gerne…“

Ja, was eigentlich? Sich bedanken? Seine Anerkennung ausdrücken? Zu Wort bringen, was er heute gelernt hatte? Es gab vieles, was Raaka sagen wollte und er würde sicher nicht für alles die richtigen Worte finden. Es mochte nicht seine Aufgabe sein, sich vor die Gruppe zu stellen und eine Ansprache an sie zu halten. Das war den Leittieren vorbehalten. Doch gleichzeitig war es ihm irgendwie wichtig, auszudrücken, wie sehr er den Mut seiner Gefährten wertschätzte.

[ neben Nya | lauscht ihren Worten und fasst Hoffnung | hört dann Kailans und Nyphs Geschichten und hat traurige Einsichten ]
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Spielleitung
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Re: Kapitel 6: Die Kraft der Elemente

Beitrag von Spielleitung »

UPDATE:
Das Glimmen

Auf den Ästen und Zweigen der umliegenden Baumkronen ruhend, glühten die Wirrex in einem sanften, stetigen Licht, ein jeder in seiner eigenen Farbe und in der Summe das komplette Spektrum des Regenbogens abbildend. Das Tuscheln, Kichern und Wispern, dass der Gruppe seit ihrem Eintritt in den Geisterwald immer wieder aufgefallen war und dessen Ursprung nach eigener Aussage offenbar immer wieder diese kleinen, leuchtenden Geschöpfe gewesen sein sollen, war nun nicht mehr zu vernehmen. Und während unten auf der Lichtung nach und nach ein Widerstandstier nach dem anderen auf das Felsplateau schritt und seine Geschichte erzählte, blieb es in den oberen Rängen der Lichtung gespenstisch still.

Doch etwas anderes änderte sich. Zunächst kaum merklich nach dem Beginn der Füchsin und dann langsam in der Intensität zunehmend mit den Worten der Wölfin, der Bärin und der Puma. Das stete Leuchten der Wirrex veränderte sich. Die Aura um den Kern dieser kleinen Geschöpfe begann zu glimmen und zu glitzern. Zunächst nur bei einigen wenigen, doch mit jedem Wortbeitrag zunehmend bei mehr und mehr Wirrex war dieses Phänomen zu beobachten. Es war durchaus möglich, dass Ursache und Wirkung sich direkt vor den Augen der Anwesenden abspielten, dass die Überwindung der Einzelnen den Effekt bei den Vielen hervorrief. Wer die kleinen, leuchtenden Geschöpfe genauer betrachtete, mochte da einen Zusammenhang sehen. Und wenn dem so war, dann schien es, als wären sie auf dem richtigen Weg. Denn inzwischen, wenn man die Augen schweifen ließ und die Menge der Wirrex und derjenigen, die sich verändert hatten, überschlug, dann waren es gut und gerne acht von zehn Lichtwesen, die sich seit Beginn ihrer Prüfung verändert hatten.
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Yaize
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Re: Kapitel 6: Die Kraft der Elemente

Beitrag von Yaize »

Auch wenn Yaize oberflächlich betrachtet abwesend und mit sich selbst beschäftigt wirkte, so waren ihre gespitzten Ohren doch aufmerksam bei jedem Wort, dass auf dieser Lichtung gesprochen wurde. Es erfüllte die Füchsin ein wenig mit Stolz, dass ausgerechnet Nyala, die kurz zuvor noch ihren Unmut geäußert und die Art ihrer Prüfung abgelehnt hatte, nach dem Vorbild der Roten dann doch ziemlich schnell ihre Meinung änderte und selber vortrat, um zu sprechen. Yai folgte ihrer weißen Freundin mit einem freundlichen Seitenblick und schenkte ihr ein herzliches, aufmunterndes Lächeln, als diese wieder vom Felsplateau herunterschritt.

Gleichzeitig merkte sie, wie sehr es ihr Herz schmerzte vom Kummer und Schmerz der Weißen zu hören, mehr noch als sich ihren Eigenen vor Augen zu führen. Es war ein zutiefst verwirrender Mix aus Gefühlen, der in ihrer kleinen Brust tobte und sich verstärkte, als erst Kailan und dann Nyphteq vortraten und sich den Wirrex und der Gruppe öffneten. Aus der Freude und dem Stolz darüber, dass selbst eine Aufgabe wie diese für sie überwindbar war und sie sich durch nichts von ihrem Ziel abbringen ließen, wurden Trauer, Schwermut und Mitgefühl. Gleichzeitig regte sich Zorn und Hass auf die Ska. Dieser brodelte zwar schon lange in ihr, schließlich wussten alle, was diese Stinkkäfer den Tieren des Widerstands immer wieder angetan hatten. Einiges davon hatte sie mit eigenen Augen ansehen müssen. Die persönlichen und zutiefst tragischen Geschichten ihrer Freunde zu vernehmen entfachte aber eine Wut, die über all dies hinausging. Sie fühlte den Schmerz als wäre es ihr Eigener und musste den Blick abwenden. Den Versuch sich mit ihrer Fellpflege irgendwie abzulenken und selbst zu beruhigen hatte sie schon nach kurzem aufgegeben, stattdessen biss sie sich leicht auf die Zunge und unterdrückte ihren Wunsch laut aufzuschreien nur mit größter Anstrengung. Dass diese Dinge Kailan und Nyphteq passiert waren machte einen Krieg zweier verfeindeter Parteien zu einer sehr viel persönlicheren Sache.

Nachdem Kailan zurückgekehrt war hatte sich die Füchsin wieder an das Vorderbein der Bärin geschmiegt und irgendwie versucht Trost zu spenden. Es war nicht viel, was sie tun konnte und gerne hätte sie auch mit Worten ihre Anteilnahme und ihr Mitgefühl zum Ausdruck gebracht, doch der Füchsin waren sämtliche Laute verloren gegangen. Ihr fehlten die Worte.

Natürlich bekam sie auch das Gespräch mit, dass sich neben ihr bei Raaka und Nyala abspielte und ihre Augen folgten Nyph, als diese nach ihrer Offenbarung Abstand suchte. So absurd es schien, so hatte sie doch das Gefühl, dass diese Prüfung sie auf eine Art und Weise näher zueinander brachte, als all ihre bisher erlebten Abenteuer zusammen. Der Preis allerdings war ein hoher und schmerzhafter.

Aus einem Gefühl von Hilflosigkeit und Sorge heraus fasste die Füchsin eine Entscheidung, die ihr neue Zuversicht gab. Sie würde nicht zulassen, dass auch nur ein einziger von ihnen ihr noch einmal verloren ging. Sie würde jedes einzelne Familienmitglied mit ihrem Leben beschützen und da sein, wenn die Not am größten war. Sie konnte das. Sie wollte das. Unbedingt.

Noch einmal schob sie ihren Kopf an das Fell der Bärin, sah hinauf zu Kailan und schenkte ihrer Freundin einen dankbaren und mitfühlenden Blick. Dann erhob sie sich und schüttelte einmal leicht den Pelz durch, entschlossen zu handeln. Zu Raaka war es nicht weit und sie schmunzelte den Schwarzen verschmitzt an, als sie dem Raberich eine lose Daune aus dem Kragen zog und sie ihm verspielt entgegen pustete. Ihre Worte waren leise aber deutlich und ihre helle Stimme war gesprenkelt von Schalk aber auch Ernsthaftigkeit und zutiefst empfundener Freundschaft.

"Frag nicht um Erlaubnis, wenn dir etwas auf der Seele liegt und du darüber reden magst, Nachtfeder. Nicht zu viel denken, einfach machen. Wenn man uns das Wort verbieten könnte, dann hätte ich am Ende des Tages ein ganz großes Problem."

Bei den letzten Worten sah sie hinauf zu Nyala und grinste die weißte auf ihre ganz eigene, füchsische Art an. Zu einem Teil provokant, ein Teil einfach nur frech und vorlaut, ein Teil direkt entschuldigend dafür, dass sie einfach nicht anders konnte.

Doch sie hatte ihr Ziel noch nicht erreicht. Mit einigen langen Sätzen sprang die Füchsin zielsicher in Richtung Nyphteq, nur um direkt wieder abzubremsen, als sie schließlich nur noch zwei Fuchslängen von ihr Entfernt war. Den Rest der Distanz tappte sie langsam und mit leicht gesenktem Kopf hinter ihrem Rücken auf die Puma zu, lenkte dann kurz bevor sie sich berührten nach links und ließ sich an der Vorderpranke der Katze nieder. Yai rollte sich in einer fließenden Bewegung zusammen, schlang den feuerroten Schwanz um ihren Leib und bettete ihren Kopf darauf. Weder sprach sie ein Wort, noch richtete sie den Blick auf Nyphteq oder schenkte ihr zu viel Beachtung, so als hätte sie genau diesen Platz als Ort für ein Schläfchen ausgewählt und als wäre es purer Zufall, dass ausgerechnet hier bereits ihre Freundin saß und litt. Und natürlich genauso zufällig berührten der samtrote Pelz und die sich leicht hebende und senkende Flanke der Füchsin die Tatze der Puma.

Was sich derweil über ihren Köpfen abspielte, entging der Füchsin komplett.


[ bei Nyph | findet wieder zu sich zurück, versucht erst Raaka aufzumuntern und möchte dann für Nyphteq da sein ]
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Nyala
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Re: Kapitel 6: Die Kraft der Elemente

Beitrag von Nyala »

Das meiste von dem was Nyala erzählt hatte, war bisher noch nie über ihre Lefzen gekommen. Sie hatte es so lange hinunter geschluckt und für sich behalten, jetzt jedoch waren die Worte raus und zumindest sie fühlte sich damit irgendwie etwas befreiter. Sie sah hinunter zu Raaka, dessen Augen wieder zu glänzen begonnen hatten und insgeheim war sie froh darüber, dass sie ihren ältesten Freund damit aufgemuntert hatte.

“Soll das eine Drohung sein?“,

fragte sie schelmisch, erwiderte das Lächeln jedoch sogleich,

“ich nehme dich beim Wort mein Freund.“

Mit einem sanften Stupser besiegelte sie sein Versprechen, auch wenn sie ihm nur ungerne ein ähnliches Versprechen gab. Allerdings würde der Schwarze immer Willkommen sein, ganz gleich wie verrückt er manchmal war.

Als sich anschließend auch Kailan der Aufgabe stellte, lauschte Nyala sehr aufmerksam der Geschichte, ihre Ohren zuckten kurz als die Bärin ihren Namen erwähnte und sie erwiderte den schmerzlichen Blick der Braunen. Sie wollte am liebsten intervenieren, denn Kailans Gedanken waren falsch. Sie hätte genauso wenig tun können, wie Nyala selbst. Doch sie ließ es, immerhin hatte sie eine ganze Weile immer wieder über jenen Tag nachgedacht und war am Ende doch immer am gleichen Punkt gelandet. Dennoch war ihr eines klar, eine tote Bärin hätte keinem von ihnen geholfen! Die Enttäuschung und die Selbstgeißelung waren der Braunen anzusehen und Nyala konnte nicht anders als leicht den Kopf zu schütteln, in dem Versuch ihr klar zu machen, dass es nicht in ihrer Macht gestanden hatte. Doch das war noch längst nicht alles was so schwer auf dem Herzen der gutmütigen Bärin lag und je mehr sie erzählte, desto mehr Mitgefühl wallte in der Weißen auf. Dagegen waren ihre eigenen Probleme so unbedeutend und beinah lachhaft.

Als Kailan endete und zurück zu Yai ging, wusste Nyala nicht, ob sie der Älteren helfen konnte, indem sie sich ebenso zu ihr gesellte. Sie selbst hätte es nicht gewollt, weshalb sie zögerte und ihre Augen sich schließlich auf Nyphteq richteten, die ihren Gang zum Plateau begann. Nur kurz huschte der Blick der Hellen hinauf zu den Wirrex die gespenstisch still geworden waren. Ja, seht nur was ihr tut!, dachte Nya bissig und ahnte noch nicht, dass auch die Raubkatze ein so schweres Schicksal erlebt hatte. Wieder lauschte sie und dieses Mal lief ihr ein Schauder über den Rücken und ließ sie unbewusst das Nackenfell sträuben. Sie fand eine Gemeinsamkeit, nur winzig klein, aber dennoch konnte sie Nyph dadurch gut verstehen. Immerhin hatte auch sie viel zu lange die Augen vor der Wahrheit verschlossen, hatte die Existenz der Ska vehement abgestritten, nur um letztlich eines Besseren belehrt zu werden. Was wäre gewesen, wenn sie nie in Kontakt mit dem Widerstand gekommen wäre? Vielleicht wäre es ihr irgendwann ganz ähnlich ergangen, selbst wenn es nicht ihre Jungen gewesen wären, aber vielleicht die ihres Bruders und sie hätte genauso wenig ausrichten können wie die Puma.

Nyala biss die Zähne fest aufeinander, denn sie hegte unbewusst ganz ähnliche Gedanken wie die Füchsin. Mit diesem Wissen wurde der Kampf, den sie führten noch persönlicher als er vielleicht durch die Verluste ihrer ehemaligen Begleiter bereits war. Sie mussten einen Weg finden, diese Mistviecher ein für allemal zu besiegen. Das Leid, was Nyph und Kailan widerfahren war, sollte sich nicht wiederholen. Es war Entschlossenheit, die sich in Nya ansammelte und dafür sorgte, dass sich ihre Muskeln anspannte. Dennoch hielt sie ihre eigenen Sorgen in Anbetracht jener schrecklichen Geschichten mehr und mehr für lachhaft. Was war Ausgrenzung im Vergleich zu jenen Verlusten?! Die Augen der Wölfin folgten der Katze, die sich einen Platz abseits der Gruppe suchte und wieder war da der Impuls zu ihr zu gehen, der jedoch unterdrückt wurde. Manch einer brauchte den Abstand…
Sie bemerkte den Blick des Raben auf sich und sah zu ihm, lauschte seinen Worten, die er nicht ganz beendete. Noch bevor sie antworten konnte, gesellte sich Yaize zu ihnen, zupfte Raaka eine lose Feder aus dem Gefieder und übernahm es, statt Nya zu antworten. Skeptisch zog sie eine Braue hoch als die Füchsin sie mit Schalk in den Augen anblickte.

“Als ob du jemals darauf hören würdest. Aber Yai hat nicht unrecht, lass dich nicht davon abhalten das zu sagen, was dir auf der Zunge liegt. Schon gar nicht hier und jetzt“,

stimmte sie der Roten zu und schenkte auch ihr ein sanftes Lächeln, ehe die Kleine davonlief und sich zu Nyph gesellte. Dieses Mal so untypisch still ließ sich die Füchsin einfach zu ihren Füßen nieder und rollte sich zusammen. Gute Idee Yai, dachte Nyala und ließ ihre Augen über ihre kleine Gruppe schweifen. Vishuni und Rhorax wirkten noch immer nicht so als wären sie besonders scharf darauf, ihre Geheimnisse Preis zu geben und sie konnte es beiden nicht verübeln. Auch dem alten Graupelz nicht, er und die Puma waren noch so neu in dieser Gruppe. Sie verband kaum bis gar nichts mit den anderen Tieren, auch der große Braune gehörte erst kurze Zeit zu ihnen und zumindest einen Teil dessen, was auf seinen Schultern lag, hatte er zumindest Nya bereits eröffnet. Vielleicht gab es nicht mehr als das, womöglich wollte er die Wahrheit aber auch einfach nicht mit allen teilen. Letztlich huschte ihr Blick noch einmal zu den Irrlichtern in den Baumkronen, von denen viele inzwischen seltsam angefangen hatten zu glimmen. Ob es damit zusammenhing, dass sich bereits viele von ihnen getraut und geöffnet hatten? Wer wusste das schon.

“Magst du mitkommen?“,

fragte sie Raaka und bot ihm ihre Schultern an. Der Weg war nicht weit und natürlich konnte ihr dunkler Freund auch gut laufen und über den Boden hüpfen, fliegen lag ihm jedoch eindeutig besser und sie selbst wollte kurz zu den anderen gehen.
Zunächst führten ihre Pfoten sie zu Kailan, der sie einen tröstenden Stupser gegen die Schulter gab und leise murmelte sie: “Ich bin mir sicher, sie würden dir verzeihen. Sie alle.“ Natürlich war es gewagt so etwas zu behaupten, doch in der Kürze der Zeit, in der Nyala nun schon mit ihnen lief, hatte sie gesehen, wie sehr sich die Braune für sie alle einsetzte und sie war sich zu hundert Prozent sicher, dass sie jeden von ihnen mit ihrem eigenen Leben verteidigen würde. Danach lief sie hinüber zu Farlan, Vishuni und Rhorax, die nicht allzu weit auseinander saßen bzw. standen.

“Ihr Drei seid noch neu und ich kann verstehen, dass ihr euch nicht unbedingt an dieser Aufgabe beteiligen wollt. Ich hielt es anfangs selbst für Schwachsinn. Jeder von uns…“,

ihr Blick deutete zu den anderen,

“…wird es verstehen und akzeptieren, wenn ihr euch nicht auf den Felsen stellt. Ich bitte euch nur noch einmal darüber nachzudenken, ihr habt uns gesehen und gehört. Wenn es etwas gibt, dass ihr loswerden wollt, dann sprecht es aus. So oder so… niemand wird euch verurteilen.“

Danach sah sie wieder hinauf zu den Wirrex. Hat euch das noch nicht gereicht?, fragte sie die Irrlichter stumm und wartete gemeinsam mit Raaka ab, ob sich noch jemand traute. Andernfalls würde sie dem Schwarzen den Vortritt lassen, seine Worte an alle zurichten.

[ Antwortet Raaka / hört Kailan und Nyph zu / bemerkt die Veränderung der Wirrex / spricht zu Rhorax, Farlan und Vishuni / und stumm zu den Wirrex ]
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Farlan
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Re: Kapitel 6: Die Kraft der Elemente

Beitrag von Farlan »

So war ein wenig an Zeit ins Land gegangen und der Rüde, der immernoch ein wenig zu frieren schien, hatte sich mit der Situation so weit abgefunden, wie es eben ging. Wie gehabt hatte er sich meist eher an Raaka, vor allem aber an Nyphteq gehalten, was die Puma zumindest nicht weiter zu tangieren schien – für den Rüden in diesem Kontext natürlich ein klarer Vorteil.

Schlussendlich war da dieser Hirsch, dessen Präsenz dem Rüden erst nach und nach klar wurde. Und nur ebenso nach und nach hatte Farlan für sich erschlossen, um was es hier im Groben eigentlich gehen sollte. Innerlich mochte er belustigt prusten, aber nach außen hin wäre das ein sicheres, ja fatales Eigentor gewesen. Immerhin dessen war er sich also durchaus bewusst, weshalb er in den ersten Momenten den Fang hielt und zu jenen zählte, die gut daran taten, sich mit ihren möglichen Geschichten nicht vorzudrängeln. Hatte der Hirsch nicht gar gesagt, es müssten gar nicht alle? Das wäre die Lösung, die Farlan so vorschwebte. Und so beschloss er, zunächst als Beobachter zu wirken, aber gleichzeitig auch als etwas, als das man ihn bisher nicht kannte: Als guter Zuhörer.

Zumindest war das der Plan des Rüden: Zuhören und im Idealfall fiele ihm etwas ein. Irgendetwas. Sehr zu seinem Leidwesen würde er sich an die Wahrheit halten müssen – und es war ziemlich offensichtlich, dass sich hier die eigentliche Schwierigkeit auftat. Auftun musste. Da half die Gegenwart der Wirrexe aber auch nur sehr bedingt.

Während der Flattermann vergleichsweise still blieb, trat das Hellfell vor und bekundete, dass sie nichts zu erzählen hätte. Fiel Farlan da gerade ein Stein vom Herzen? Nein, eher ein ganzes Gebirge! Denn auch wenn er sich sicher war, dass es für weiße Wölfe nichts geben konnte, das es wert war, hier vorgebracht zu werden, war er sich doch sicher, dass jemand anderes vorzutreten wagen würde. Und genau so schien es zu kommen.

Sein Blick wanderte zur Bärin, Kailan müsste sie heißen, die er bisher als das sogenannte Leittier ausgemacht hatte. Ihrem Blick nach zu urteilen, war aber der Weg zum Leidtier nicht wirklich weit. Zu ihr gesellte sich die kleine Füchsin, die der Rüde – das musste er sich ja unweigerlich eingestehen – unglaublich taff fand. Aber darum ging es der Bärin wohl nicht, auch wenn er das aus seiner gebotenen Entfernung kaum würde beurteilen können.

Die Füchsin machte den Anfang und ließ den Rüden die etwas maladen Ohren spitzen. Hatte sie da gerade alle als Freunde bezeichnet? Quatsch, er würde sich sicher verhört haben! Aber er kam nicht umhin, innerlich ihren Mut zu bewundern, wenngleich Farlan das, logisch!, nach außen hin niemals absichtlich vermittelt hätte. Aber siehe da, der Anfang war gemacht.

Der Blick fiel auf den anderen großen, braunen Brummer, der sich bisher nicht als besonders emotional hervorgetan hatte – und jener schien ihm näher, als er dachte, denn auch er weigerte sich offenkundig, irgendetwas von Ängsten zu faseln, wobei sich Farlan inzwischen gar nicht mehr so sicher war, ob man d wirklich von „Faseln“ sprechen konnte. Innerlich wollte er eigentlich jubilieren, dass er mit seiner ablehnenden Haltung – die er wohlweislich noch für sich behalten hatte – nicht der einzige war. Das erleichterte in diesem Moment so einiges. Auch Nyphteq schien von dieser Konstellation nicht gerade begeistert, doch vernahm er keinen wichtigen Laut aus der Puma Fang. Vielleicht aber, auch das konnte ja sein, hatte er auch nicht richtig hingehört.

Der Rabe hatte sich zu Nyala gesellt, doch verstand der Rüde auch hier nicht, welche Worte ausgetauscht wurden. Allerdings war Nyala auch die nächste, die sich überwand und, für den Rüden, ziemlich schonungslos mit sich ins Gericht ging, wie er fand. Beeindruckt sah er vielleicht aus, bekam aber – auch das typisch Farlan – kein richtiges Wort heraus. Für eine weiße Wölfin hatte sie sich gar nicht übel angestellt.

Noch ehe er weiter darüber hatte sinnieren können – noch immer hatte er keinen Mucks von sich gegeben – war Kailan vorgetreten. Eben jene Bärin, bei der er sich nicht sicher war, ob sie Leit- oder Leidtier war. Offenbar letzteres, denn sie ging hart mit sich ins Gericht, weil sie weder einen Flyght noch einen Asuka – die Namen sagten Farlan nun erstaunlich wenig – hatte retten können. Ob das denn ihre Aufgabe gewesen war? Nun, das zu beurteilen mochte sich Farlan nicht anmaßen. Die Erzählung zog sich ein bisschen in die Länge und bewerkstelligte, dass Farlan sich eben diese geschilderten Bilder vor dem eigenen Auge ganz gut vorstellen konnte. Bären auf der Flucht vor den Ska, von denen er – das sei in Ehren gesagt – wenig gesehen, aber umso mehr gehört hatte. Kailan aber hatte viel verloren. Sehr viel. Und dennoch stand sie hier, legte Zeugnis ab und brach nicht zusammen….nicht ganz zumindest.

Farlan merkte, wie sich sein Puls und auch seine Atmung in den letzten Momenten deutlich beschleunigt hatten, so enthusiastisch war er Kailan in ihren Ausführungen gefolgt, als wäre er selbst dabei gewesen. Das Hecheln mochte weithin hörbar sein, aber es gelang ihm auch nicht, es zu überspielen; es war einfach da. Und doch galt es, für einen Moment unterdrückt zu werden: Nyphteq trat vor. Ausgerechnet Nyphteq, der er die Emotionalität eines Blattes, das vom Baum fällt – oder die eines Felsens, ähnlich seiner – zugetraut hatte, trat vor. Farlan’s Augen weiteten sich, vielleicht gar vor Schreck. Denn er hatte mit vielem, vielleicht auch mit allem gerechnet – aber damit nicht!

Hätte sie Lippen gehabt, hätte er an ihnen gehangen, aber ein Pumafang tat es auch. Wieder ließ sich das aufkommende, sehr leise Hecheln nicht unterdrücken, aber dieses Mal schien es Farlan auch ziemlich egal. Die aufkommenden Bilder ließen den Rüden erbeben, vielleicht gar kurz mit den Zähnen klappern, so sicher war er sich da nicht. Mitreißend war die Erzählung Nyphteqs ja allemal und hätte Farlan gewusst, was Mitgefühl ist, wäre es nur so aus ihm herausgesprudelt. Aber das blieb aus.
Nyphteq war also fertig. Im mindestens doppelten Wortsinn. Und nun? Sein Blick flog zur anderen Puma, Vishuni mochte sie heißen. Ihr Blick verhieß nichts Gutes, doch schwieg sie Löcher in die Umgebung. Farlan nutzte den Moment, sich umzusehen und tat zweierlei: zum einen bekam er langsam das Hecheln in den Griff, zum anderen bekam er durchaus mit, dass sich die Umgebung minimal zu ändern schien. Kleinigkeiten, für die er sonst eigentlich keinen Blick hatte. Farlan legte den Kopf in die Schräge, wusste das Ganze aber noch nicht so richtig einzuordnen. Fast wie automatisch, eher mechanisch, hatte er sich in Bewegung gesetzt. Doch er hielt alsbald inne…

….denn ausgerechnet das Hellfell kam auf ihn zu und brachte den skeptischen Flattermann mit, mit dem er sich zumindest versuchsweise vertragen hatte. Was folgte, war zumindest etwas Aufbauendes, wenngleich die Wirkung bei Farlan zunächst zu verpuffen schien. Lange, wirklich sehr lange, lag der Blick auf der Fähe, ehe er sprach.

„Ich…“

Begann er, merkte im nächsten Moment offenbar, was er zu sagen gewollt hatte, und wandte den Blick ab, eher zu Rhorax und Vishuni.

„….das geht niemanden etwas an.“

hängte er leise an und beschloss, zumindest für einen Moment standhaft zu bleiben. Dass es ihm vermutlich nicht gelingen würde, zeigte dieses leise Kribbeln im Bauch, das sich langsam bahn brach. Aber noch war es nicht so weit. Schonfrist, gewissermaßen…

[ beobachtet zunächst und ist sich sicher, nichts beizutragen, als Nyala mit Raaka näherkommt, beginnt der Farlanbauch zu kribbeln und die Skepsis zu wachsen ]
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